Spiritualität im Umgang mit Menschen mit Demenz
„Seit Monaten lag meine Oma teilnahmslos in ihrem Bett und blickte an die Decke. Wenn ich sie besuchte, reagierte sie nicht. Ich saß oft neben ihr und wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Die Besuche waren schwer für mich. In meiner Verzweiflung begann ich zu beten – ein Ritual, das mir in diesem Moment Halt gab und die Stille durchbrach. „Vater unser im Himmel …“ sagte ich leise. Was dann geschah, ist so berührend, dass ich es nie mehr vergessen werde. Meine Oma lächelte und begann, das Gebet mitzusprechen.“
Was bleibt, wenn vieles verloren geht
Demenz verändert vieles – Erinnerungen verblassen, vertraute Abläufe werden unsicher, Worte gehen verloren. Trotz ihrer Erkrankung haben viele Menschen mit Demenz weiterhin religiöse Bedürfnisse und sehnen sich nach Glauben und spiritueller Verbundenheit. Denn gerade wenn sich das Leben verändert und Herausforderungen kommen, kann Glauben vielen Menschen Sicherheit, Trost und ein Gefühl von Geborgenheit schenken.
Was lange bleibt: Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis
Menschen mit Demenz erinnern sich meist noch gut an weit zurückliegende Erlebnisse aus der frühen Kindheit. Während tagesaktuelle Geschehnisse rasch in Vergessenheit geraten, bleiben Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis häufig bis in späte Demenz-Stadien erhalten. Dazu zählen Kinder- und Weihnachtslieder, Gebete oder Gedichte. Auch das Singen gehört zu den Fähigkeiten, die oft noch lange möglich sind – häufig sogar dann, wenn das Sprechen nicht mehr möglich ist. Darin liegt ein großes Potenzial. Glaube und spirituelle Rituale schaffen Begegnung auf einer emotionalen und sinnlichen Ebene. Symbole wie eine Kerze, ein Kreuz oder vertraute Düfte können Erinnerungen wachrufen und Orientierung geben. Musik und Rhythmus ermöglichen es vielen Menschen mit Demenz sich auszudrücken, selbst wenn das Sprechen schon schwerfällt. Oft zeigt sich in solchen Momenten eine überraschende Klarheit oder ein Aufblühen, das im Alltag kaum mehr sichtbar ist.
Wertvolles Kommunikationsmittel für Angehörige
Unabhängig von der persönlichen Glaubensrichtung kann Spiritualität für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zu einer wichtigen Ressource werden. Entscheidend sind ein sensibler Umgang und der Blick auf die individuelle Biografie, denn welche Lieder, Rituale oder Symbole für die Betroffenen vertraut sind, hängt stark von den persönlichen Lebens- und Glaubenserfahrungen ab. Weihrauch, Rosenkränze, Gebete, Klangschalen, Mantras, usw. sind Beispiele spiritueller Riten, die möglicherweise praktiziert wurden.
Mut zum Ausprobieren
Pflegende Angehörige dürfen sich ermutigt fühlen, Spiritualität bewusst in den Alltag zu integrieren. Dafür braucht es weder Perfektion noch besonderes Wissen – vielmehr den Mut, es einfach auszuprobieren. Entscheidend ist dabei der Mut zur Lücke, denn es gibt kein richtig oder falsch. Wenn ein gesungenes Weihnachtslied im April ein Lächeln hervorruft oder ein Mitsummen möglich wird, dann ist es genau das richtige.