Quergedacht

Demenzfreundliche Kommune als kreativer Hexenkessel neuer Einfälle

Mein Plädoyer ist also: Finden wir uns nicht ab mit der diagnostischen Betonierung der Demenz! Lasst uns nicht mit dem Nachdenken über Demenz aufhören! Wir holen uns das „Brodeln“ zurück, das die Demenz als ein rätselhaftes, herausforderndes Phänomen zu begreifen erlaubte. Wir sagen: Wir sind mit der Demenz noch nicht fertig. Und den Bürgerinnen und Bürgern – der Zivilgesellschaft also – wird vielleicht noch vieles dazu einfallen, was die Menschen mit Demenz uns erzählen über sich und die Welt, in der wir leben. Die demenzfreundliche Kommune darf nicht zur technokratischen Planungsaufgabe verkümmern, sondern sollte ein kreativer Hexenkessel neuer Einfälle sein.

Die Gefahren, die eine medizinische Verkrustung des Demenzphänomens und ihre Domestizierung in Demenzstrategien mit sich bringt, liegen auf der Hand. Wir leben in einer Zeit, in der der Sozialstaat schrumpft. In einer Zeit, in der die Differenzen zwischen reich und arm wachsen, in einer Zeit bröckelnder sozial-wärmender Milieus, in einer Gesellschaft, die sich immer ausschließlicher aus dem Leistungsimperativ heraus versteht. Diese Entwicklungen spiegeln sich in der Demenzfrage wider. Reiche und arme Menschen mit Demenz geraten immer deutlicher in unterschiedliche Versorgungslagen. Menschen, die nichts mehr leisten – wie die Menschen mit Demenz – sind in der Gefahr systematisch marginalisiert zu werden; und Menschen mit Demenz sind von Einsamkeit und emotionaler Unterversorgung betroffen.

Die Richtung, in die wir gehen müssen, ist klar vorgegeben: Wiederaufbau von Nachbarschaft, kritische Reflexion über Einsamkeit, zivilgesellschaftlicher Aufbruch.

Reimer Gronemeyer, 2018